Wer schon einmal versucht hat, jemanden mit guten Argumenten von seiner Meinung abzubringen, kennt das wahrscheinlich: Am Ende sind sich meistens beide noch sicherer als vorher, dass sie recht haben. Das passiert beim Weihnachtsessen mit der Familie, in der Gemeinderatssitzung, im Gespräch mit „besorgten Bürgern“ auf dem Marktplatz oder wenn die Klimaschutzmanagerin auf einer Veranstaltung jemandem gegenübersteht, der den Klimawandel für eine Erfindung hält. Gerade deshalb braucht es andere Ideen und Ansätze, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Zuhören statt überzeugen

Die norwegische Filmemacherin Deeyah Khan hat für ihren Dokumentarfilm „White Right: Meeting the Enemy“ Rechtsextreme in den USA getroffen und sie nach ihrem Weltbild gefragt. Statt mit ihnen über die Menschenfeindlichkeit darin zu diskutieren, hört sie zu und stellt Fragen, auch dann, wenn es angespannt wird. Der Film ist sehr berührend und in voller Länge auf YouTube zu sehen.

Nicht alle werden damit einverstanden sein, und manche werden die Meinung vertreten, dass man mit „denen“ gar nicht reden sollte. Fair enough. Das haben wir kollektiv allerdings auch schon eine ganze Weile probiert, mit, sagen wir mal, sehr überschaubarem Erfolg, wenn man sich nur das Wahlergebnis in Sachsen anschaut.

Wir finden also, da braucht es etwas anderes. Aus dem, was wir in Deeyah Khans Gesprächen mit diesen Männern beobachtet haben, haben wir deshalb neun Arten von Fragen zusammengetragen.

Neun Arten von Fragen

  1. Weltbild zurückspiegeln. Man gibt dem Gegenüber wieder, wie man seine Sicht verstanden hat, und zwar in dessen eigenen Worten.
  2. Begriffe entnebeln. Viele harte Positionen leben davon, dass Begriffe wie „die da oben“ oder „die Ausländer“ schwammig bleiben. „Wer sind ‚die‘? Was meinst du damit genau?“
  3. Prüfen, ob die Regel in beide Richtungen gilt. „Wenn jemand das über deine Gruppe sagen würde, wie würdest du reagieren?“
  4. Ausnahmen suchen. „Kennst du jemanden, auf den diese Beschreibung nicht passt?“
  5. Fragen, was die Meinung schützt. Oft sind es Angst, Verlust oder Status. „Was genau macht dir daran Sorgen?“
  6. Konsequenzen klären. „Was passiert mit denen, die unschuldig sind?“
  7. Den eigenen Zweifel zeigen. Wer wie eine fertige Wand auftritt, lädt eher zur Belagerung ein. „Ich habe darauf auch keine gute Antwort.“
  8. Fragen, was die Meinung ändern würde, und sich das auch selbst fragen. „Was müsste passieren, damit du deine Meinung änderst?“
  9. Die Perspektive wechseln. Das ist weniger eine Frage an das Gegenüber als ein innerer Test, den man mit sich selbst macht, bevor man etwas äußert.

In Verbindung bleiben

Bekehrt man damit jemanden? Nein, und darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, im Gespräch und in Verbindung zu bleiben und eine Tür offen zu lassen. Vielleicht hallt sogar etwas nach: Warum konnte ich darauf nicht antworten? Das gilt übrigens für beide Seiten, nicht nur für die „andere“.

Entscheidend ist, präsent und offen zu bleiben, und das ist alles andere als leicht. Es braucht Übung, weil man schnell getriggert wird, die eigene Position verteidigt und sich über das Gegenüber stellt. Wer innerlich schon weiß, dass der andere widersprüchlich ist, und ihn nur noch vorführen will, stellt ihm eine Falle, und dann ist das Gespräch vorbei.

Deeyah Khan bleibt in ihren Gesprächen bei der offenen Haltung, und das beeindruckt uns sehr. Sie erzeugt dadurch kognitive Dissonanz ohne Demütigung.

Räume, in denen Spannung aushaltbar ist

In unserer Arbeit begegnet uns diese Art Lagerdenken überall, in Kommunen, in Verwaltungen und in Netzwerken, ob es nun ums Klima geht oder um „Ausländer“. Damit Menschen trotzdem gemeinsam etwas auf die Beine stellen können, braucht es aus unserer Sicht Räume, in denen Spannung aushaltbar ist, in denen Beziehung geübt wird und in denen Vertrauen wachsen kann.

Einen solchen Raum versuchen wir mit dem Zweiten Kreis zu schaffen: Dort kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Ecken einer Organisation oder Kommune zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären und die sich auch längst nicht in allem einig sind, die aber gemeinsam etwas bewegen wollen. Und weil man sich dort regelmäßig trifft und an etwas Konkretem arbeitet, wächst mit der Zeit auch das Vertrauen, das es braucht, um mit den Unterschieden umzugehen.

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