Ungewissheit ist nicht Unsicherheit
Ähnlich wie komplex und kompliziert werden auch Ungewissheit und Unsicherheit häufig synonym verwendet. Der Unterschied ist aber nicht nur etwas für Linguisten. Ungewissheit ist zunächst nur der Zustand der Nicht-Gewissheit, des Nicht-Wissens. Da steckt kein Gefühl drin – niemand sagt „ich fühle mich ungewiss”. Unsicherheit dagegen beschreibt, wie man sich fühlt: nämlich nicht sicher.
Sich nicht sicher zu fühlen ist für niemanden schön. Aber die gute Nachricht lautet: Weil Ungewissheit und Unsicherheit nicht dasselbe sind, lässt sich Sicherheit in der Ungewissheit schaffen.
Sicherheit in der Ungewissheit schaffen
Dafür braucht es dreierlei: eine Haltung, konkrete Strategien und etwas Übung.
Haltung. Um Ungewissheit nicht nur auszuhalten, sondern zum Vorteil zu nutzen, braucht es Ergebnisoffenheit und die Demut, sich einzugestehen, wie wenig sich wirklich kontrollieren lässt. Dazu gehört Fehlertoleranz: Wer Fehler als Lernquellen begreift statt als Problem, erholt sich schneller von Rückschlägen.
Strategien. Eine der wirkungsvollsten ist die Segelboot-Analogie. Man stelle sich eine Ozeanüberquerung mit einem Segelboot vor: Man ist vom Wind abhängig, eine Flaute kann die Überfahrt stark verlängern – es braucht also genug Proviant, Ersatzteile, Werkzeug. Zugleich ist der Platz begrenzt, und zu viel Gewicht macht unbeweglich. Der „Sweetspot” zwischen Back-ups und Minimalismus lässt sich auf viele Situationen übertragen.
Übung. Ungewissheitstoleranz zu lernen heißt auch, dem Gehirn zu helfen, schneller neue Synapsen zu bauen. Je bequemer wir es uns in der Komfortzone machen, desto anpassungsunwilliger wird es. Für Adaptivität und Ergebnisoffenheit braucht es Training – eine der besten Übungen dafür ist übrigens Improvisationstheater.
Der Wert von Ungewissheit
Ungewissheit hat auch einen eigenen Wert. Es gibt den alten Witz vom Mann, der nachts unter einer Straßenlaterne seinen Schlüssel sucht. „Sind Sie sicher, dass Sie ihn hier verloren haben?” – „Nein, eigentlich da drüben. Aber da ist es zu dunkel.”
Im Licht zu bleiben ist naheliegend, ergebnisorientiertes Vorgehen wirkt intuitiv. Genau das begrenzt aber unser Potenzial, denn gute Antworten liegen oft im Dunkeln. Sich in der Ungewissheit zu bewegen kann frustrierend sein – bis man über etwas stolpert, das man gar nicht im Blick hatte. Ergebnisorientierung und Ergebnisoffenheit gehören zusammen, gerade in unübersichtlichen Zeiten. Oder mit der Schriftstellerin Margaret Drabble: „If nothing is certain, everything is possible.”
Leid ist Schmerz mal Widerstand
Warum fällt es so schwer, Ungewissheit auszuhalten? Solange wir uns auskennen, sind wir in der Komfortzone. Wird uns das genommen, werden wir herauskatapultiert – nicht selten in die Panikzone. Das hat auch körperliche Gründe: In vertrauten Situationen nutzt das Gehirn breite neuronale „Autobahnen”. In fremden Situationen muss es neue Synapsen bauen, und das kostet Energie. Diese Sparversuche erleben wir als Widerstand, als Unwohlgefühl.
Nun kann man ganz in den Widerstand gehen – die unangenehme Situation verschwindet dadurch nicht, im Gegenteil. Oder man nimmt den Widerstand wahr und vertraut darauf, dass er vorbeigeht, weil man weiß: Man steckt mitten in einem Anpassungsprozess. Denn Leid ist nur Schmerz mal Widerstand.
Mit Komplexität und Zukunftsgestaltung hängt das eng zusammen – der gelassene Umgang mit Ungewissheit ist eine der Schlüsselfähigkeiten unserer Zeit. Oder mit Pierre Wack: „Uncertainty today is not just an occasional, temporary deviation from a reasonable predictability; it is a basic structural feature.”