„Komplexität reduzieren” klingt nach gesundem Menschenverstand: weniger Verwirrung, klarere Entscheidungen, mehr Handlungsfähigkeit. In der täglichen Praxis begegnet uns diese Absicht ständig. Doch so selbstverständlich ist sie nicht. Ist Komplexitätsreduktion wirklich immer hilfreich – oder manchmal sogar das Gegenteil von dem, was ein System braucht?

Wie so oft kommt es auf den Kontext an. Komplexität nie zu reduzieren ist genauso wenig sinnvoll, wie sie immer zu reduzieren.

Reduzieren heißt Informationen reduzieren

Komplexität zu reduzieren bedeutet immer auch, Informationen zu reduzieren. Das kann nötig sein: Zu viele Informationen überfordern das Bewusstsein, es kommt zur Reizüberflutung – und die kann lähmen und handlungsunfähig machen.

Warum es oft mehr Komplexität braucht

Gleichzeitig gilt das Gegenteil: Um mit Komplexität umzugehen, braucht ein System selbst genügend Komplexität. Das ist der Kern des Ashbyschen Gesetzes der erforderlichen Vielfalt (englisch Law of Requisite Variety): Ein System kann die Komplexität seiner Umwelt nur dann bewältigen, wenn es über eine entsprechende innere Vielfalt verfügt.

Für unsere Arbeit heißt das: genau hinsehen und von Fall zu Fall entscheiden, wann Komplexität besser reduziert und wann sie sogar erhöht wird.

Wie sich Komplexität im System erhöhen lässt

Informationen zu reduzieren ist einfach. Aber wie erhöht man Komplexität? Zum Beispiel, indem für möglichst viel Diversität in einer Gruppe gesorgt wird. Indem Entscheidungen dezentralisiert werden. Indem Handlungsfähigkeit – Agency – an möglichst viele Menschen an möglichst unterschiedlichen Stellen im System gegeben wird. Also ziemlich genau das Gegenteil klassisch-hierarchischer Organisationen.

Genau deshalb interessieren uns lebendige Netzwerke und der Zweite Kreis so sehr. Ein Netzwerk oder eine Bewegung zu starten, ist vergleichsweise einfach. Die eigentliche Herausforderung ist, es lebendig zu halten: den Mehrwert für alle Beteiligten erkennbar und das entstehende Wissen für alle zugänglich zu machen.

Der Körper: ein unterschätztes Instrument

Und noch eine Beobachtung zum Thema Komplexitätsreduktion: Wir Menschen verfügen über ein Instrument, das mit Komplexität viel besser umgehen kann als der Verstand – den Körper. Das Gehirn sitzt den ganzen Tag in einem dunklen Raum, dem Schädel, und ist darauf angewiesen, welche Informationen die Sinnesorgane weiterleiten. Damit es nicht zur Reizüberflutung kommt, filtern Wahrnehmungsfilter vor – Komplexität wird also reduziert.

Das ist einerseits gut, sonst würden wir verrückt. Andererseits filtert es viele Informationen heraus, die bei der Orientierung helfen könnten – und nimmt uns damit ein Stück der Fähigkeit, mit Komplexität und Ungewissheit umzugehen. Welche anderen Wissens- und Informationsverarbeitungssysteme wir jenseits des Verstands haben, ist eine Frage, an der wir weiter forschen.

Denn viel Komplexität halten zu können, ohne sie vorschnell aufzulösen, ist eine der Schlüsselfähigkeiten unserer Zeit.

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