Ein Truthahn wird jeden Tag gefüttert und dadurch in seiner Grundannahme bestärkt, dass Menschen Truthahn-Freunde sind. Dann kommt der Tag vor Thanksgiving. Ähnlich wie der Truthahn neigen auch wir Menschen dazu, Aussagen über die Zukunft auf Basis unserer Erfahrungen aus der Vergangenheit zu treffen. Bisherige Entwicklungen werden fortgeschrieben – dass es eine größere Störung geben könnte, eine Krise, etwas noch nie Erlebtes, kommt in dieser Rechnung nicht vor.
Die Idee, Zukunft vorhersagen und sogar kontrollieren zu können, hat unsere Kultur und unsere Normen tief geprägt. Vor allem hat sie die Fähigkeit geschmälert, außerhalb des Bekannten zu denken und sich das Unvorstellbare vorzustellen. Der Futurist Nicklas Larsen bringt es auf den Punkt: „Imagined futures that do not address what is currently deemed probable or desirable have no place in mainstream thinking.”
Es gibt keine „Timeline”
Trotz oder gerade wegen ihrer Komplexität ist Zukunft höchst form- und gestaltbar. Der Schmetterlingseffekt ist ein schönes Beispiel: Schon kleine Bewegungen im Jetzt können große Auswirkungen auf das Später haben.
Es gibt schlicht keine „Timeline”, die aus der Vergangenheit in eine determinierte Zukunft führt. Durch Globalisierung und Digitalisierung wird die Welt immer verschränkter, vernetzter und damit komplexer – die Wahrscheinlichkeiten verschieben sich fortlaufend. Je weiter ein Moment vom Jetzt entfernt liegt, desto mehr Unbekannte stehen in der Gleichung. Genau das macht es unmöglich, von der Zukunft zu sprechen. Stattdessen gibt es viele, sehr viele Versionen von Zukunft – und alle Beteiligten spielen eine Rolle darin, welche davon sich bewahrheitet.
Das Problem mit Zukunftsprognosen
Zukunftsforschung ist begehrt, besonders in Zeiten großer Ungewissheit. Natürlich gibt es Trends und Strömungen. Problematisch wird es, wenn man sich auf sie verlässt: Trends sind letztlich nur Erweiterungen des Bekannten, Fortführung der Vergangenheit – Extrapolation. Unbekanntes kommt darin nicht vor.
Vor allem aber suggerieren Prognosen eine Vorhersagbarkeit, die es nicht gibt. Das nimmt Menschen die Selbstwirksamkeit: Die Vorstellung einer festgelegten Zukunft lähmt die eigene Gestaltungskraft und macht passiv.
Futures Literacy: die Fähigkeit, Zukunft zu nutzen
Was hilft stattdessen? Zukunftsintelligenz. Dazu gehören ein gelassener Umgang mit Ungewissheit, Kreativität, eine bestimmte Haltung und konkrete Strategien. Ein Begriff, der das gut beschreibt, ist Futures Literacy.
Die Prämisse: Zukunft ist weder vorhersagbar noch erforschbar – schlicht, weil sie noch nicht existiert. Aber sie ist vorstellbar und damit antizipierbar. Und für das emotionale Erleben macht es zunächst keinen Unterschied, ob etwas wirklich oder nur in der Vorstellung geschieht. Entscheidungen werden weit weniger von der Ratio als von Emotionen gesteuert. Futures Literacy will dabei nicht manipulieren, sondern befähigen: die Gegenwart gestalten, indem man die Zukunft nutzt.
Die Gegenwart wird nicht durch in der Vergangenheit angestoßene Entwicklungen in die Zukunft geschoben, sondern von der Zukunft angezogen – genauer: von dem, wie wir uns die Zukunft vorstellen. — Fred Polak
Die Kraft der Antizipation
Warum hat Futures Literacy so eine Kraft? Weil sie ins Gestalten bringt. Die menschliche Vorstellungskraft ist noch stärker als die Willenskraft – sie ist gewissermaßen das Teleskop unseres Bewusstseins. An wünschenswerten Zukunftsbildern lässt sich Orientierung finden (eine Zugkraft), und aus weniger wünschenswerten Bildern lässt sich Schub gewinnen, indem man überlegt, wie man dort gerade nicht hinkommt.
Zukunft ist immer schon der nächste Moment
Zukunft ist kein abstrakter Zeitraum in weiter Ferne. Der jetzige Augenblick ist nur das Gelenk zwischen dem, was war, und dem, was wird.
When I pronounce the word ‘Future’, the first syllable already belongs to the past. — Wisława Szymborska
In der nichtlinearen Dynamik kann ein Flügelschlag auf der einen Seite der Welt einen Sturm auf der anderen auslösen – einfach weil sich in Komplexität nicht vorhersagen lässt, wie Dinge einander beeinflussen. Das bedeutet zugleich: Jeder einzelne Mensch besitzt enorm viel Gestaltungskraft.
Genau darum geht es uns – ums gemeinsame Gestalten von Zukunft. Dafür setzen wir im Institut unter anderem navigate by fiction ein: eine Methode, die Gruppen hilft, sich mögliche Zukünfte vorzustellen und daraus im Jetzt ins Handeln zu kommen. Oder mit Abraham Lincoln: The best way to predict your future is to create it.