„The only thing I do know is we have to be kind. Please be kind, especially when we don’t know what’s going on.” – dieser Satz aus Everything Everywhere All at Once bringt etwas auf den Punkt, das gerade jetzt zählt. Nur: Was ist damit eigentlich gemeint? Sollen jetzt alle zu allen nett sein? Konflikten aus dem Weg gehen? Die andere Wange hinhalten? Wie soll man freundlich bleiben bei so viel Ungerechtigkeit?
Genau diese Fragen schlugen uns bei einer Vorlesung an der Zürcher Hochschule der Künste entgegen – die Studierenden waren mit einem Plädoyer für „Kindness” gar nicht so einverstanden.
Kindness ist nicht Niceness
Der Punkt: „Kindness” ist nicht mit „Niceness” zu verwechseln. Man kann eine freundliche Haltung haben, ohne nett zu sein. Und man kann nett sein, ohne eine freundliche Haltung zu haben.
Kindness kann bestimmt sein, eine Grenze ziehen, klar und direkt. Sie kann sogar kämpferisch sein. Niceness heißt oft, die Rüstung anzulegen und das Visier herunterzuklappen. Kindness dagegen öffnet einen Raum ohne Urteil, aber mit großer Klarheit – eine Einladung in Rumis Garten jenseits von Richtig und Falsch.
Kann Kindness dann gewalttätig sein? Nein – denn Gewalt heißt, bereit zu sein, Schmerz zuzufügen. Niceness kann gewalttätig sein, Kindness nicht.
Verwandtschaft statt Gefälligkeit
Der Berater Philip Horváth verweist auf die Wortherkunft:
„Nice, from Latin ne-sciere, meaning ‘not knowing’, was originally a derogatory term. Being kind, on the other hand, is about recognizing the other as kin. As belonging to the same set as oneself: I am kind to my kin(d). It is an extension of the idea of ‘self’ beyond the boundaries of ‘I’.”
Kindness ist also eine Ausweitung des eigenen „Ich” über seine Grenzen hinaus – hin zu denen, mit denen man verbunden ist. Man teilt, was das Leben gebracht hat, gerade wenn die Zeiten hart sind.
Vor allem: anstrengend
Kindness ist keine weiche Geste, sondern eine anspruchsvolle Haltung: in Verbindung und Verbundenheit zu bleiben, verlangt einiges ab. Gerade wenn viel hochkocht, Meinungen aufeinanderprallen und Erwartungen an der Wirklichkeit zerschellen, lohnt es sich, die eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen zu hinterfragen – und die Haltung zu überprüfen, aus der heraus man etwas sagt. Und dabei auch sich selbst gegenüber mit Kindness zu begegnen, statt zu streng zu sein.