Was hat Stadtplanung mit Science Fiction zu tun – und mit dem Erzählen von Geschichten? Ganz viel. Die Zukunftsforschung ist voll von Szenarien für Städte, in denen wir künftig leben könnten, und auch die Science Fiction wimmelt von Utopien und Dystopien urbaner Räume.
Städte ziehen Menschen an: 2050 sollen laut UN-Schätzungen zwei Drittel der Weltbevölkerung in Großstädten leben. Die Städte der Zukunft sind riesig, voll und hypervernetzt. Wie plant man einen so anspruchsvollen, hochkomplexen Lebensraum – und zwar so, dass er für möglichst alle lebenswert wird und bleibt? Gute Nahversorgung, Grünflächen, bezahlbarer Wohnraum, Orte der Begegnung, funktionierende Infrastruktur – wohl alles gleichzeitig und noch viel mehr. Eine Mammutaufgabe, zumal neue Technologien laufend neue Möglichkeiten schaffen, aber auch neue Risiken.
Stadt der Zukunft – Dystopie oder Utopie?
Vieles, was es heute unter dem Stichwort Smart City gibt, kennen wir längst aus der Science Fiction. Das Spektrum reicht je nach Subgenre von wünschenswerten bis zu ganz und gar nicht wünschenswerten Szenarien. Auf der einen Seite die dystopischen Bilder des Cyberpunk: neongrelle Straßenschluchten einer Megastadt, beherrscht von Megakonzernen – Blade Runner, Ghost in the Shell, Brazil. Auf der anderen Seite das, was früher etwas verklärt als Utopie belächelt wurde und seit einigen Jahren einen neuen Namen trägt: Solarpunk – die grüne, sonnige Schwester des Cyberpunk. Solar, weil ökologisch; Punk, weil subversiv.
Science Fiction eröffnet Denkräume
Science Fiction übertreibt oft, ist manchmal nicht zu Ende gedacht. Aber sie extrapoliert, knüpft an, spinnt weiter – und stellt die Frage: Was wäre, wenn? Was, wenn die soziale Schere weiter auseinandergeht und sich die Oberschicht dank lebensverlängernder Technologien quasi „verunsterblicht” (Altered Carbon) oder auf eine Raumstation zurückzieht (Elysium)? So weit ist das gar nicht weg: Gated Communities gibt es schon heute in vielen Städten – dafür braucht es weder Raumschiff noch Unsterblichkeit, nur einen ausreichenden Kontostand.
Science Fiction ist nicht der Blick nach vorn, sondern zur Seite. Sie kommentiert unsere Gegenwart.
So bringt es Stephan Günthner vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung auf den Punkt, in dessen Auftrag Forschende der TU Cottbus mehr als 50 Filme, Bücher und Spiele des Genres auf ihre Tauglichkeit für die Stadtplanung untersucht haben. Eine zentrale Erkenntnis: Science Fiction hilft, für Chancen und Risiken zu sensibilisieren. Sie öffnet Denk- und Gestaltungsräume und ermöglicht Teilhabe. Denn viele Menschen sind stark auf die Gegenwart fixiert – sich bekannte Orte anders vorzustellen, fällt schwer.
Das Ausdenken von Zukünften formt uns
Nicht selten gibt das Genre sogar die Richtung vor, in die geforscht und entwickelt wird – Minority Report war ein solcher „Influencer”, und schon viel früher Star Trek. Das Ausdenken, Ausmalen und Visualisieren von Zukünften formt uns und unseren Möglichkeitsraum.
Genau damit arbeitet die Methode navigate by fiction, die wir im Institut einsetzen: Teilnehmende kommen zuerst ins Gestalten und entwickeln eine emotionale Verbindung zu wünschenswerten – und weniger wünschenswerten – Zukunftsversionen. Wie soll meine Stadt der Zukunft aussehen, und wie auf keinen Fall? Und was heißt das für heute? Mit Dave Snowden: „Make people into active agents in defining the future instead of being passive respondents of information that’s provided.” Zukunft ist nichts, was einem passiert – sie lässt sich gestalten, gemeinsam.