Zukunft entsteht aus Entscheidungen, die wir heute treffen. Gern behaupten wir, dabei objektive Fakten sorgfältig abzuwägen und rational zu entscheiden. Ehrlich betrachtet fallen die meisten Entscheidungen aber spontan, aus dem Bauch heraus. Was die Menschheit dabei seit jeher beeinflusst, sind Erzählungen: Mythen und Geschichten, an die wir glauben.
Warum investieren Millionen Menschen in Bitcoin? Weniger, weil so viele die technischen Zusammenhänge verstünden, sondern weil die Erzählung einer unabhängigen, aufregenden und etwas mystischen neuen Währung fasziniert. Das Narrativ wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Welche Narrative sich durchsetzen
Die Verbreitung von Erzählungen ähnelt der von Viren: Weitererzählen entspricht der Ansteckungsrate, Vergessen einer durchgestandenen Erkrankung. Und wie bei Viren können kleine Mutationen die Verbreitung dramatisch verändern. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller hat das in Narrative Economics analysiert. Einige Kriterien für den Erfolg eines Narrativs:
- Gelegenheit zur Erzählung: Narrative setzen sich besser durch, wenn sie in häufig vorkommenden Situationen eingebracht werden können.
- Bildliche Details: Die sprichwörtliche Serviette, auf die im Restaurant eine Strategie gezeichnet wurde, bleibt haften, weil sie Assoziationen auslöst.
- First-Mover-Effekt: Erzählungen mit höherem Neuheitsgrad lösen stärkere Emotionen aus und verbreiten sich besser.
- Wahrheitsgrad: Die Verbreitung wird von einem niedrigen Wahrheitsgehalt nur geschwächt, wenn eine Erzählung sehr offensichtlich falsch ist.
Besonders wirksam werden Narrative, wenn sie nicht einzeln, sondern als Konstellation auftreten.
Ein Baukasten für erfolgreiche Narrative
Analysiert man die erfolgreichen Erzählungen der Menschheitsgeschichte, folgen sie sieben wiederkehrenden Grundmustern. Beispiele sind „Die Reise und die Rückkehr” (Orpheus, Alice im Wunderland) oder „Die Überwindung des Monsters” (Dracula, Star Wars). Folgt ein Narrativ einem dieser Muster, erkennen wir die Dramaturgie, ordnen das Gehörte ein und erinnern uns dank der logischen Zusammenhänge besser.
Das Gehirn als Geschichtenerzähler
Was Narrative so ansteckend macht, ist die Struktur unseres Gehirns. Wir strukturieren unser eigenes Wissen in Form von Erzählungen. Nimmt das Gehirn nüchterne Fakten wahr, wird es kaum aktiviert. Hören wir dagegen eine Geschichte, feuern verschiedenste Regionen, neue Zusammenhänge entstehen, ein kohärentes Bild aus Ursache und Wirkung baut sich auf. Das Gehirn mag Kausalität sogar so sehr, dass es kleine Lücken notfalls mit spontanen Annahmen füllt. Das Narrativ wird emotional bewertet, mit Erinnerungen vernetzt – und ist bei der nächsten Entscheidung sofort abrufbar.
Geschichten aus der Zukunft
Genau hier setzt navigate by fiction an – eine Methode, die wir im Institut einsetzen: Sie hilft Gruppen, Narrative für mögliche Zukünfte zu entwickeln. Statt einer rational korrekten, aber wenig motivierenden Strategie entstehen aktivierende Geschichten aus der Zukunft. Sie verbreiten sich, ein Umfeld identifiziert sich mit ihnen – und eine bisher unmögliche Realität wird gestaltbar.